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Das Hasekühle

 

Da steh' ich vor euch - groß gewachsen,
mit Hufen, statt mit Fuß und Haxen,
mit Löffeln - das sind Hasenohren -
und einem Euter, das verloren
zwischen meinen Beinen hängt
und meinen Laufstil stark beschränkt.

Warum, woher, weshalb, wozu,
gibt es diese Hasekuh?
Wer hat jenes Tier geboren?
Warum ziert es die Fasnacht-Foren?
Wer ist sein Vater, wer die Mutter?
Frisst es vielleicht Studentenfutter?

Nun ja, genau betrachtet und bei Lichte
bin ich ein Kind der Frühgeschichte.

In Grünsfeld gibt's das Stadtrecht schon
seit Zwölfhundert-X-Ypsilon.
Dies barg dereinst das Privileg
des Markttages und es wies den Weg
der Bauern aus dem "Super-Gau",
die voll beladen, zielgenau
die Stadt am Grünbach anvisierten
und sich dort gerne amüsierten.

Zuhaus im Gau, in Giebelstadt,
wuchs alles riesig, prall und satt:
Kartoffeln, groß wie Kinderköpfe,
Kohl und Wirsing sprengten Töpfe.
Selbst die Tiere auf der Weide
wuchsen hoch und in die Breite.

Kontrastprogramm in Grünsfelds Flur:
Von Üppigkeit - tja - keine Spur.
So karg, wie dort die Böden sind,
so unscheinbar sind Schwein und Rind.
Man musste schon daneben steh'n,
um die Spezies zu seh'n.

Die einen arm - die anderen reich -
Gau und Grünsfeld - kein Vergleich.
Mit stolz geschwellter, breiter Brust
und konkurrenzlos selbstbewusst,
behaupteten die reichen Bauern:
"Ihr Grünsfelder seid zu bedauern.
Weil uns're Hasen, das weiß jed' Kind,
so groß wie eure Kühe sind."

Da unsereiner Spaß versteht,

erschufen wir, was vor euch steht:
Des einen Has' - des anderen Kuh.
Seitdem war am Markttag Ruh'.
Und die Grünsfelder Narren meinten nur:
Danke für die Symbolfigur.

Jetzt weiß der letzte Narr im Land,
wie uns're Hasekuh entstand.

 

Text von Wolfgang Oechsner